Deformation

Machen Sie mal Platz!

Hier kommt ein krankes Gedicht.

Sie sehen doch, dass bei dem

die ganze Poesie

im Arsch ist!                        (aus "Unreim - lyrische Miniaturen")


Werdet Klassiker!                                                                                                 

Klassik ist um Klassen besser

als barockes Bettgenässer!

Auch romantisches Gespinne

ist bei Klassikern nicht drinne.

Diesen geht selbst Biedermeier

in der Regel auf die Eier.

Deshalb wäre anzuraten,

alles klassisch zu verbraten. 

                                                            (aus "Schöss - illyrische Volxpösie")


Der Wolpertinger und der Yeti                                                                           

Wer den Yeti hoch droben auf den Gipfeln des Himalaya sucht, der wird ihn dort nimmer finden. Und auch den Wolpertinger sucht man in den Alpen vergebens. Denn als der Yeti durch einen tiroler Bergsteiger vom Wolpertinger erfuhr, erwachte in ihm der Forscherdrang. So packte er sein Köfferchen und machte sich auf den Weg in die Alpen. Der Wolpertinger war aber inzwischen im Himalaya angekommen, um den Yeti, von dem ihm eben jener tiroler Bergsteiger erzählt hatte, ausfindig zu machen. So stiftet der Tiroler Verwirrung in der Natur.   (aus "Blindgänger in Gottes Erlebnispark")

Sindbad oder Der Quälgeist  (Auszug)                                                                 

Schwester: Stuhlgang?

Sindbad: Nö?

Schwester: Nehmen Sie eins von den Zäpfchen hier!

Sindbad: Nö!

Schwester: Wann hatten Sie das letzte Mal Stuhlgang?

Sindbad: Kann mich nicht erinnern.

Schwester: Aber ich! Ich hab's aufgeschrieben. Ist schon fünf Wochen her! Und seit fünf Wochen weigern Sie sich, Zäpfchen zu nehmen. Mein Lieber, jetzt ist Schluss. Von mir aus können Sie platzen. Aber nicht in diesem Hause, verstanden?!

Gedanken, die in der Sauna kommen                                                                 

Im tiefsten Grunde meiner Seele,

Hab ich eine trockne Kehle;

Ausgedorrt wie Brunnen, die

Ausgedorrt sind, oder wie

Eine alte Echsenhaut,

Staub, der sich in Poren staut,

Zungen, die wie Nägel sind,

Starr und schwarz wie Mumiengrund,

Ohne Saft und ohne Frische

(wird denn hier nicht aufgegossen?)

Fossiliert wie Urzeitfische

Mit den harten Knochenflossen,

Ausgelaugt und eingestellt

Auf die Trockenheit der Welt.

(Aus: Lesender Affe, 18/97)

Illyrischer Vampirismus                                                                                       

Merke: Mit Wellensittichen wissen Illyrier herzlich wenig anzufangen. Hingegen hat die Vampierzucht Tradition. Es scheint, als liege es den Illyriern irgendwie im Blut, gerade solche Hobbys zu pflegen, die andernorts eher Misstrauen erwecken. So ist neben dem Leichenfleddern (vor allem an Ostern) und dem spontanen Verspeisen von Vorgesetzten vor allem eben die Aufzucht und Pflege von Vampiren eine Leidenschaft, der sich Illyrier von früher Jugend an hingeben. In zahlreichen Vampirzuchtclubs Illyriens spielt sich ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens ab. Jeder will der Beste sein. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, die meisten oder größten Vampire zu besitzen, sondern sich seiner jeweiligen "Gruft" (illyrischer Fachausdruck für Zucht/Stall/Herde) möglichst souverän zu bedienen. Wer seine kleine Vampirzucht gut zu nutzen weiß, kann sicher sein, weder privat noch beruflich angepöbelt zu werden - jedenfalls nicht mehr als einmal. Doch die Entsaftung unliebsamer Verwandter und Bekannter ist nur eine der zahlreichen Vorzüge der illyrischen Vampirzüchterei. Vampire erfüllen im sozialen Leben Illyriens multiple Funktionen. Sie dienen als Partygag, als Dekorationsgegenstände, Statussymbole, homöopathisches Heilmittel (in Pulverform) und zur Dekolltéverfeinerung. In aristokratischen Kreisen wird das gesamte Hauspersonal nachts durch Vampire ersetzt. Das spart Kosten und ist chic. Der Höhepunkt für jeden Züchter ist jedoch die alljährliche Sylvester-Vampirflug-Schau. Wenn in anderen Ländern krampfthaft versucht wird, nächtliche Dunstglocken über Großstädten originell zu illuminieren, verschwinden in Illyrien sogar die Sterne hinter Abertausenden von Vampirflügeln. Obgleich es dabei freilich recht finster wird, kann es doch recht erhellend und spannend sein, diesem Ereignis beizuwohnen. In speziellen Neujahrswettbüros werden Wetten über die Anzahl der Schreie angenommen, die während der Veranstaltung zu hören sind und meist von unerfahrenen Jungzüchtern stammen. Die Bezeichnung "blutiger Anfänger" birgt im Illyrischen übrigens einen makabren Doppelsinn.
                                                                (Aus: Der Rabe, 49/97)

An der Kasse                                                                                                     

Als Wolf sich in die Schlange stellte, waren zehn Leute vor ihm, alle voll bepackt. Es ging schleppend langsam vorwärts. Ein stumpfsinniger Bulle rammte ihm dauernd von hinten seinen Einkaufswagen in die Nieren. Nach drei Stunden legte Wolf seine Einkäufe auf das Band. Stockend ratterte es vorwärts zu Frau Schnecke, der Kassiererin, die jegliche Ansehnlichkeit längst überwunden hatte. Bedächtig griff sie nach den einzelnen Waren, suchte lange nach jedem kleinen Preisschildchen, und wenn sie es dann doch gefunden hatte, tippte sie den Preis in die Kasse ein, Zahl für Zahl, wie denn auch sonst?! Wolf entwickelte währenddessen merkwürdige Phantasien von wilden Tieren, tödlichen Bissen und zerfleischten Körpern. Aber schließlich hatte Frau Schnecke alles eingetippt und die Kasse rechnete den Betrag zusammen. Es dauerte Minuten der Verzweiflung. Selbst die Kasse war auf die Geschwindigkeit von Frau Schnecke eingestellt. „Dreizehn Mark und neunundneunzig!“ Wolf gab ihr das Geld und packte seine Sachen in die Einkaufstasche. Frau Schnecke warf den Kassenbon irgendwo in die Gegend. Wolf schnappte ihn sich, kurz bevor er im Rollbandschlitz für immer verschwand. Hoppla, das Lammfleisch kostet doch dreißig Pfennig weniger! Frau Schnecke sah Wolf regungslos an, dann schaute sie längere Zeit auf den Kassenbon, dann nochmal auf Wolf, und schließlich sagte sie: „Einen Moment bitte!“, stand auf und setzte sich in Richtung des Kassenbüros in Bewegung. Sie hatte an sich viel zu schleppen, so daß es einige Zeit dauerte, bis sie das verglaste Büro erreichte. Wolf sah, wie sie mit dem Geschäftsführer sprach. Beide blickten aus der Ferne zu ihm herüber. Nach unbestimmter Zeit kam sie quer durch den Markt mit einem kleinen Zettel zurück, setzte sich wieder an ihre Kasse, suchte in kosmischer Entrückung einen Stift, notierte etwas auf dem Zettel und gab ihn Wolf: „Hier, Unterschrift!“ Wolf unterschrieb. Frau Schnecke nahm den Zettel an sich, legte ihn in die Kasse und zählte dreißig Pfennige ab. Die gab sie Wolf. „Da!“ Danach setzte sie das Rollband wieder in Bewegung. Wolf schob seinen Einkaufswagen nach draußen, in den Regen, zu den anderen Wagen. Der Pfandmünzenmechanismus klemmte. Von hinten stieß der Bulle in seine Nieren. Wolf brach zusammen. Er war im selben Augenblick verhungert.
(Aus: Am Erker, 44/02)