Leider war das Z verrutscht
Es war das schönste Geschenk für sie,
in seinem Brief zu lesen,
er sehe nun ein, sie brauche
in ihrer Verfassung
dringend zärtliche Hilfe.
Wie zwei sich unterhielten
Im ersten Park blieb er stehen. Da er wusste, dass sie wie üblich drei Meter hinter ihm herlief, wandte er sich zu ihr um. Sogleich drehte auch sie sich um und lief in die andere Richtung. Er verfolgte sie, bis er sie am Ärmel packen und anhalten konnte. Er stellte sie zur Rede. Weshalb sie einfach davonlaufe. Sie habe gedacht, er wolle nach Hause gehen. Sie solle aber nicht denken. Sie solle warten und zuhören. Und wenn sie schon unbedingt denken müsse, dann solle sie gefälligst nicht so einfach drauflos denken, sondern lieber mal ein bisschen mitdenken. Es sei doch offensichtlich gewesen, dass er sich nicht umgedreht habe, um nach Hause zu laufen. Sie habe doch sehen müssen, dass er mit ihr reden wollte. Nein, das sei an seinem Umdrehen überhaupt nicht zu erkennen gewesen. Wenn sie nicht immer fünf Meter hinter ihm herliefe wie eine Araberin, dann hätte er es gar nicht nötig gehabt, sich umzudrehen. Nun aber wollte sie wissen, was er ihr denn so Dringendes mitzuteilen habe. Er hatte es vergessen. Daran sei sie schuld. Sie gingen weiter.
Nach wenigen Minuten blieb er abermals stehen und wandte sich zu ihr um. Wieder kehrte auch sie sofort um und lief in die entgegengesetzte Richtung. Sie solle sofort anhalten. Sie blieb stehen. Er aber wollte, dass sie augenblicklich zu ihm zurückkomme. Ganz nah! Ob er nun spazieren wolle oder nicht. Falls er sich nicht entscheiden könne, zöge sie es vor, nach Hause zu gehen. Sie habe schließlich noch Wäsche in der Maschine. Sie solle weder hinter ihm her- noch einfach davonlaufen. Er habe sich nun wieder erinnert, was er vorhin habe sagen wollen. Ob dies nicht Zeit habe, bis man zuhause sei. Nein! Es war ihm anzumerken, dass er gerne einen starken Fluch gebraucht hätte. Sie gab nach. Also gut, dann solle er endlich frisch von der Leber weg erzählen, was er auf dem Herzen habe. Er zierte sich. Es sei jedes Mal dasselbe mit ihr. Sie werfe in ihren unbedachten Redensarten alle Organe durcheinander. Schließlich aber rückte er doch mit der Sprache heraus. Er wäre glücklich, wenn sie sich ihm so hingebungsvoll widme wie ihren unzähligen Krankheiten und ihrer ewigen Husterei. Er sei es leid, ständig von einem hustenden Etwas verfolgt zu werden.
In diesem Moment bekam sie einen Hustenanfall. Na bitte, er habe es ja gesagt. Das sei doch kein normales Gespräch. Ihr Anfall dauerte länger als gewohnt. Ein Polizist kam vorbei. Sie habe ja gerade vorgehabt, nach Hause zu gehen. Dann könne er seinen Spaziergang ungestört fortsetzen und die nackten Mädchen auf der Wiese anschauen. Daran wolle sie ihn keinesfalls hindern. All dies habe mit nackten Mädchen nicht das Geringste zu tun. Es sei außerdem Herbst. Zu dieser Jahreszeit trügen alle Mädchen im Park warme Kleidung. Er habe dafür großes Verständnis, selbst wenn er, wie er gerne zugebe, die Schönheiten junger Mädchenblüte mit Wohlgefallen betrachte. Er sei ja schließlich ein Mann. Aber das scheine sie in ihrer chronischen Verschleimung schon lange nicht mehr zu bemerken. Es sei an der Zeit, dass sie ihre täglichen Besuche bei allen Ärzten der Stadt einstelle und sich wieder mehr der Ehe widme. Es sei ja nicht so, dass ihr die körperlichen Mittel dazu fehlten. Beispielsweise könne sie genauso schnell laufen wie er. Er habe durch sorgfältige Beobachtung herausgefunden, dass sie imstande sei, ihn unter günstigen Umständen sogar zu überholen. Es hindere sie also nichts daran, wie eine normale Frau neben ihm zu gehen. Doch sie überlasse sich ganz hemmungslos ihrer Krankheit, ihrem Selbstmitleid und ihrer negativen Weltsicht, mit der sie allen und hauptsächlich ihm das Leben vergälle.
Er hatte sie damit beleidigt. Sie wolle, er hätte all ihre Krankheiten, ihren Husten und ihre dünnen Nerven, dann würde er nicht mehr so dummklug daherreden. Es entstand eine dramatische Pause. Ein Paar mit einem Kinderwagen ging vorbei. Er blickte sie nur kopfschüttelnd an. Dann ging er weiter und grübelte. Sie blieb drei Meter hinter ihm.
Wie geil ist das denn?
Alle waren erstaunt. Die meisten hatten ein ziemlich dickes Fell, aber so etwas hatten sie noch nicht gesehen. Dieser schmächtige Hanswurst, der den ganzen Tag nur ein seltsames Grunzen herausgebracht hatte, stand breit grinsend, ja lachend, da und rief hocherfreut: „Wie geil ist das denn!“ Das Maschinengewehr in seiner Hand rauchte, das Magazin war leer. Er hatte die ganze Arbeit erledigt. Eine sehr, sehr dreckige Arbeit. Aber er hatte sie gerne und gründlich erledigt. Hinter ihm lag das Tagwerk blutend, schreiend, sterbend. Auf der Straße, in den Häusern, in Autos – es waren viele, Hunderte, wie sich später herausstellte. „Wie geil ist das denn!“
Es war etwas Neues, eine ganz neue Erfahrung für alle. Das Kommando hatte keinen Mann verloren. Wie auch? Außer ihm war ja keiner beteiligt. Fünfzig hartgesottene, schwer bewaffnete Legionäre, die nichts getan hatten, als die Straße abzuriegeln und fassungslos zuzuschauen. Hätte einer versucht rauszukommen, hätten sie ihn abgeknallt wie ein Kaninchen. Aber er hatte keinem auch nur den Hauch einer Chance gelassen. Er war viel zu begierig, jeden einzelnen höchstpersönlich fertig zu machen. Es war wie bei Obelix und den Römern, nur blutiger eben.
Später, beim Duschen, fragten sie ihn bewundernd, ob er so etwas schon einmal gemacht hätte. Aber er grinste nur. Wie vorher! Aus ihm war nichts herauszubekommen.Nur eines war klar: Es hatte ihm Spaß gemacht – so wie einem Vierjährigen das Karussell-Fahren Spaß macht. Noch eine Runde! Noch eine Runde! Und er sollte seine nächste Runde bekommen. Aber erst einmal musste er richtig aufwachen. Und sein Müsli essen. Und seine Schuhe angezogen bekommen. Und wieder zur Schule gehen. Was für ein Frust!
Deformation
Machen Sie mal Platz!
Hier kommt ein krankes Gedicht.
Sie sehen doch, dass bei dem
die ganze Poesie
im Arsch ist!
aus "Unreim - lyrische Miniaturen"
Werdet Klassiker!
Klassik ist um Klassen besser
als barockes Bettgenässer!
Auch romantisches Gespinne
ist bei Klassikern nicht drinne.
Diesen geht selbst Biedermeier
in der Regel auf die Eier.
Deshalb wäre anzuraten,
alles klassisch zu verbraten.
Der Wolpertinger und der Yeti
Wer den Yeti hoch droben auf den Gipfeln des Himalaya sucht, der wird ihn dort nimmer finden. Und auch den Wolpertinger sucht man in den Alpen vergebens. Denn als der Yeti durch einen tiroler Bergsteiger vom Wolpertinger erfuhr, erwachte in ihm der Forscherdrang. So packte er sein Köfferchen und machte sich auf den Weg in die Alpen. Der Wolpertinger war aber inzwischen im Himalaya angekommen, um den Yeti, von dem ihm eben jener tiroler Bergsteiger erzählt hatte, ausfindig zu machen. So stiftet der Tiroler Verwirrung in der Natur.
Sindbad oder Der Quälgeist (Auszug)
Schwester: Stuhlgang?
Sindbad: Nö?
Schwester: Nehmen Sie eins von den Zäpfchen hier!
Sindbad: Nö!
Schwester: Wann hatten Sie das letzte Mal Stuhlgang?
Sindbad: Kann mich nicht erinnern.
Schwester: Aber ich! Ich hab's aufgeschrieben. Ist schon fünf Wochen her! Und seit fünf Wochen weigern Sie sich, Zäpfchen zu nehmen. Mein Lieber, jetzt ist Schluss. Von mir aus können Sie platzen. Aber nicht in diesem Hause, verstanden?!
Gedanken, die in der Sauna kommen
Im tiefsten Grunde meiner Seele,
Hab ich eine trockne Kehle;
Ausgedorrt wie Brunnen, die
Ausgedorrt sind, oder wie
Eine alte Echsenhaut,
Staub, der sich in Poren staut,
Zungen, die wie Nägel sind,
Starr und schwarz wie Mumiengrund,
Ohne Saft und ohne Frische
(wird denn hier nicht aufgegossen?)
Fossiliert wie Urzeitfische
Mit den harten Knochenflossen,
Ausgelaugt und eingestellt
Auf die Trockenheit der Welt.
Illyrischer Vampirismus
An der Kasse
Als Wolf sich in die Schlange stellte, waren zehn Leute vor ihm, alle voll bepackt. Es ging schleppend langsam vorwärts. Ein stumpfsinniger Bulle rammte ihm dauernd von hinten seinen Einkaufswagen in die Nieren. Nach drei Stunden legte Wolf seine Einkäufe auf das Band. Stockend ratterte es vorwärts zu Frau Schnecke, der Kassiererin, die jegliche Ansehnlichkeit längst überwunden hatte. Bedächtig griff sie nach den einzelnen Waren, suchte lange nach jedem kleinen Preisschildchen, und wenn sie es dann doch gefunden hatte, tippte sie den Preis in die Kasse ein, Zahl für Zahl, wie denn auch sonst?! Wolf entwickelte währenddessen merkwürdige Phantasien von wilden Tieren, tödlichen Bissen und zerfleischten Körpern. Aber schließlich hatte Frau Schnecke alles eingetippt und die Kasse rechnete den Betrag zusammen. Es dauerte Minuten der Verzweiflung. Selbst die Kasse war auf die Geschwindigkeit von Frau Schnecke eingestellt. „Dreizehn Mark und neunundneunzig!“ Wolf gab ihr das Geld und packte seine Sachen in die Einkaufstasche. Frau Schnecke warf den Kassenbon irgendwo in die Gegend. Wolf schnappte ihn sich, kurz bevor er im Rollbandschlitz für immer verschwand. Hoppla, das Lammfleisch kostet doch dreißig Pfennig weniger! Frau Schnecke sah Wolf regungslos an, dann schaute sie längere Zeit auf den Kassenbon, dann nochmal auf Wolf, und schließlich sagte sie: „Einen Moment bitte!“, stand auf und setzte sich in Richtung des Kassenbüros in Bewegung. Sie hatte an sich viel zu schleppen, so daß es einige Zeit dauerte, bis sie das verglaste Büro erreichte. Wolf sah, wie sie mit dem Geschäftsführer sprach. Beide blickten aus der Ferne zu ihm herüber. Nach unbestimmter Zeit kam sie quer durch den Markt mit einem kleinen Zettel zurück, setzte sich wieder an ihre Kasse, suchte in kosmischer Entrückung einen Stift, notierte etwas auf dem Zettel und gab ihn Wolf: „Hier, Unterschrift!“ Wolf unterschrieb. Frau Schnecke nahm den Zettel an sich, legte ihn in die Kasse und zählte dreißig Pfennige ab. Die gab sie Wolf. „Da!“ Danach setzte sie das Rollband wieder in Bewegung. Wolf schob seinen Einkaufswagen nach draußen, in den Regen, zu den anderen Wagen. Der Pfandmünzenmechanismus klemmte. Von hinten stieß der Bulle in seine Nieren. Wolf brach zusammen. Er war im selben Augenblick verhungert.
November
November, deine graue Suppe
schwappt in mein Gemüt.
So langsam ist mir alles schnuppe -
ich weiß doch, was uns blüht:
Nichts! Die letzten braunen Blätter lassen
sich einfach fallen in den Wind.
Die Regenjacken, falls sie uns noch passen,
verlassen ihren Spind.
Die Feigen buchen schnell noch eine Reise
und hauen nach Ägypten ab.
Paar Vögel folgen ihnen leise.
Die machen auf der Hälfte schlapp.
Ich hock mich in mein stilles Zimmer
und stell mir meine Heizung an,
auch wenn – es wird ja immer schlimmer –
das kaum noch wer bezahlen kann.
Die letzten Sommerträume sind verweht,
Die Schweine sprechen schnell noch ihr Gebet.
Die Ernte eines ganzen Jahres
Ist eingefahren. Und ihr wahres
Antlitz zeigt die Erde jetzt.
Die Licht-Anbeter sind entsetzt.
Wer düstre Nebel aber liebt,
wem feuchte Kälte etwas gibt,
der gibt sich dir mit Demut hin.
Du weißt, dass ich so einer bin!
November, stilles Glück
Liegt in deinem Trauerblick.
Am elften Elften platzt der Knoten,
die Narren herrschen in der Stadt.
Ich freue mich mit den Idioten,
weil heut mein Sohn Geburtstag hat.